Gido Wiederkehr:

die letzten 30 Jahre

30 Jahre Gido Wiederkehr

 

In drei Räumen des Rappaz-Museums zeigt der Künstler Gido Wiederkehr Werke aus seinen letzten 30 Schaffensjahren. In diesen letzten 30 Jahren steht bei Gido Widerkehr die Form und die Farbe im Fokus. In den letzen drei Dekaden hat sich sein Arbeitsablauf, der immer aus mehreren einzelnen, klar strukturierten Schritten besteht, steht's weiterentwickelt, jedoch ohne diesen einen Fokus aus den Augen zu verlieren. Unverändert und zentral ist der erste Schritt: Die Wahl des Malgrundes. Dabei spielt das Material keine Rolle – mal ist es Leinwand mal eine MDF-Platte. Zentral ist die Form: Ein Quadrat. Dieses ist neutral, geometrisch konstruiert und ohne Verbindung zur Natur. Im Gegensatz zum Kreis (Unendlichkeit) oder Dreieck (Trinität, Landschaft) findet es weder als religiöses, mystisches noch mythologisches Symbol Verwendung. Daher kann man sich alleine auf das Element der Form konzentrieren. Dieser Malgrund wird nun mit einem orthogonalen Raster in opaken Farben bemalt. Die Form des Quadrates wird somit auch malerisch noch einmal aufgenommen. Bis zu diesem Punkt im Schaffensprozess ist alles geordnet. Klar. Konstruiert. Bis hierhin sind auch eindeutig die Vorbilder und Einflüsse zu erkennen: Nämlich die Zürcher Konkreten. Dies erstaunt. Denn Gido Wiederkehr hatte in jungen Jahren sich dagegen entschieden von Rotrist (Aarau) nach Zürich in die Hochburg der Zürcher Konkreten zu gehen. Stattdessen zog der Künstler nach Basel. In Basel fand er wenig Gleichgesinnte. Doch vielleicht ermöglichte ihm gerade dies, freier zu seinem ganz eigenen Stil zu finden. Gido Wiederkehr konnte sich vom Dogmatismus, der manchmal der konkreten Kunst anhaftet, lösen. Der Arbeitsprozess besteht aus einzelnen klar strukturierten Phasen, ist aber nicht starr, sondern offen und enthält Sinnlichkeit. In den 90er Jahren hat Gido Widerkehr in seinem Arbeitsprozess das opake-orthogonale Muster – Schicht für Schicht – mit lasierender Farbe bemalt. Während in den ersten Jahren das Quadrat klar als Form dominierte, erscheint seit den 2000 Jahren die Linien als weiteres Element auf. Durch Überlagerungen und Überschneidungen bilden diese einen sogenannter Moiré-Effekt und erzeugen im Bild ein vibrierendes Kraftfeld. Diese Bilder verweisen auf eine weitere Inspirationsquelle des Künstlers: Die Op-Art. Durch die Überlagerung der lasierenden Farben und den Linien beginnt ein Experiment, bei welchem der Künstler nun nicht weiss, wohin die Farben und Formen ihn ziehen werden. So klar der Anfang ist, so präzise der Arbeitsablauf, so offen der Ausgang. Nie weiss der Künstler, wann ein Bild fertig ist. Manche bleiben im Prozess. Denn es kommt durchaus vor, dass ein Bild auch Jahre später hervorgeholt wird: gedreht wird, übermalt, geschliffen. Dieses Weiterführen ist auch der Grund dafür, dass die Bilder hier im Rappaz Museum nicht streng chronologisch präsentiert werden konnten. Wie in den Bildern wird auch mit dem Titel der Ausstellung zwar eine Ordnung, ein System angestrebt, jedoch besteht nie die Absicht, diese einzuhalten.
Denn der Künstler weiss selbst, Systeme und Ordnungen sind nie absolut.
Das Absolute eines Systems hinterfragen wir dann, wenn es uns als Konstruktion bewusst wird. Wenn wir es nicht mehr als bloss gegeben annehmen. Dieses bewusste Experiment des Künstlers, das optisch Wahrnehmbare immer wieder in Form und Farbe zu zerlegen und diese Elemente immer wieder neu anzuordnen, führen ihn zur Erkenntnis, dass das Ganze mehr ist als die Konstruktion und Ordnung seiner Einzelteile. Und so wird aus dem neutralen Quadrat, ohne Verbindung zur Natur, im Arbeitsprozess ein lebendiges Kunstwerk, das zu vibrieren – ja beinahe zu klingen beginnt. So dass wir bei dessen Betrachtung uns fragen: Kann ich meinen Augen trauen?

Simone S. Flüeler

 

Die Verknüpfung von Kunst und handwerklichem Können charakterisieren die aktuelle Ausstellung des Basler Malers Gido Wiederkehr. Das RappazMuseum präsentiert bis 20.1.2019 eine wunderbare Auswahl seiner meisterhaften konstruktivistischen Kunst. Häufig streng geometrisch, beseelt von einer geradezu lebensbejahenden Farbigkeit. Die strikten Formationen setzen sich unter dem Blick des Betrachters in scheinbare Bewegung. Bemerkenswert ist Wiederkehrs Spiel mit der Räumlichkeit, durch das wiederholt angewandte Prinzip des teils mehrfachen Übermalens entsteht zuweilen der Eindruck, der Künstler hätte eine dreidimensionale Bildstruktur flach auf zweidimensionale Leinwand gedrückt (Bild 8), die sich unter dem Blick der Betrachter in Räumliches zurückverwandelt.
Ganz anders das vierteilige Grossformat am Eingang der Ausstellung (1): Ein ausgesprochen organisch geometrischer Gobelin des Space Age, ein geschlossenes vierflügeliges Tor zur Unendlichkeit, auf dessen Aussenfläche sich man verlieren kann; seine feinen weinroten Fäden auf dunkelblauem Grund, sich zur Bildmitte hin verdichtende Schraffuren und Stickereien erinnern an Luftaufnahmen von Dünenlandschaften oder an die von auslaufenden Wellen zurückgelassenen Muster, die wiederum fast unmerkliche Bewegung suggerieren.
Andere Werke leiten über von Makrokosmos zu Mikrokosmos, erinnern an den Blick durch das Okular eines Mikroskops auf lebendig wirkende Strukturen (Bild 16). Wieder andere lassen sich nur bewundern wie schöne Teppiche, wecken Assoziationen und lösen schlicht Freude, Ruhe, Zuversicht aus.

Udo Breger
 

02. November – 20. Januar 2019

Vernissage Freitag, 02. November, 18 – 20 Uhr

Einführung 18:15 Simone Flüeler

Finissage Samstag, 19. Januar 1 – 17 Uhr

Fotos: Armin Vogt, Max Mathys, Lea Orthofer