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Das ehemalige Weberhaus des Nonnenklosters Klingental, auf der rechten und ehemals minderen Rheinseite, ist eines der ältesten erhaltenen Steinhäuser in Kleinbasel. Die Geschichte des Hauses reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück und erinnert trotz der klassizistischen Fassade mit einem gut erhaltenen Sodbrunnen im Eingangsbereich an das mittelalterliche Teich- und Bewässerungssystem der Rheinstadt.

Ein Rundgang durch die zwei Etagen des heutigen RappazMuseums und ein geführter Blick auf ausgewählte Exponate aus dem Kunst- und Grafiknachlass des frühen selbständigen Werbegrafikers Rolf Rappaz macht bald deutlich, dass wesentlich mehr als bloss das Auge im Spiel ist, wenn es um ästhetische Prozesse geht. Nicht zuletzt aus diesem Grund weisen die analytischen und synthetischen Dimensionen des präsentierten Werks einen hohen Grad an Aktualität auf – in einer Zeit, in der sich an Kunsthochschulen die künstlerische Forschung etabliert hat sowie sich Kunsthistoriker und -theoretiker der Entwurfs-, Kunst- und Designforschung widmen. Besonders deutlich wird der angestrebte Zusammenhang von Grafik und Kunst im originalgetreu rekonstruierten Atelier im zweiten Stockwerk, das als Kern des Museums einen Blick auf die minutiöse, allumfassende Ordnungsstruktur des Œuvres und zugleich einen Einblick in die prädigitalen Kulturtechniken des Metiers bietet. Hier liegen die Denkprozesse in den Artefakten materialisiert quasi vor uns. Sie sind nicht in virtuellen Algorithmen und einer Datenverarbeitungsanlagen festgelegt, sondern offenbaren sich in selbstgefertigten Möbeln, übereinandergestapelten Kartonschachteln, in Modellen, die eine dreidimensionale Sichtbarkeit schaffen, in an die Wand gepinnten Plänen sowie in historischen Apparaten, Utensilien und Materialien. In den sogenannten «Auszugsbögen», die jede Werkgenese bis in das kleinste Detail dokumentieren, sowie in den vom Künstler selbst angelegten Listen und Werkverzeichnissen manifestiert sich seine äusserst exakte und konzeptionelle Arbeitsweise. So bezeugen die Artefakte der Entwurfsprozesse und der planerischen Fertigung sowie die Funktionsorientierung in diesem Haus auf künstlerischer Ebene die Zusammenführung von Grafik und Kunst.

In den Ausstellungsräumen sind Einzel- und Wechselbilder, Bildserien und Plastiken ästhetisch erleb- und erfahrbar, die der Künstler aus elementaren geometrischen Grundformen und -farben durch Methoden des Zergliederns, Vertauschens und Kombinierens in einer Vielfalt an bildnerischen Konfigurationen entstehen lässt. Aufgrund der Allansichtigkeit der Skulpturen und Plastiken, d. h. der Möglichkeit, ein dreidimensionales Objekt durch einen Positionswechsel aus beliebigen Blickwinkeln zu betrachten, wird diese Aufgabe nicht zuletzt der Betrachterin bzw. dem Betrachter auferlegt. So wird in der ästhetischen Praxis des Formierens und Arrangierens ein Gestaltungsprozess von Materialien erkennbar, in dem diese nicht neu geschaffen werden, sondern Vorgefundenes durch Wiederholung und Differenzierung neu zueinander in Beziehung gesetzt wird. Im Verfahren der Permutation wird dabei die Grundspannung von analytischer Berechnung und schöpferischer Einbildungskraft erfahrbar gemacht, die an jeder Kreativität beteiligt ist. Gleichsam zeigt sich, dass das eigentliche Werk dem Selektions- und Imaginationsvermögen des Künstler- bzw. Betrachtersubjekts zu verdanken ist, dem sich auf diese Weise die Welt und deren Gesetzmässigkeiten erschliessen. Im Kontrast zu den ausgestellten Plakaten, die den eingängigen «Schweizer Grafikstil» der Nachkriegszeit nachhaltig mitprägten, verweigert sich die Kunst von Rappaz jedoch einer naturgetreuen Nachahmung der Wirklichkeit und reagiert mit dem reduzierten Farben- und Formenvokabular vor dem Hintergrund konstruktivistischer Konzepte in der Tradition der Bauhausschule auf die neue amerikanische Kunst der 1960er Jahre sowie auf serielle Konzepte der modernen Kunst und Kultur.

Ergänzend zu Portfolioausstellungen mit wechselnden Exponaten aus dem vielfältigen Werk von Rolf Rappaz zeigt das vom Basler Künstler Bruno Gasser konzipierte Museum aktuelle grafische Positionen und zeitgenössische künstlerische Werke, die sich mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen und verwandte ästhetische Bildfindungsstrategien anwenden wie ehemals Rappaz. Als Begegnungsort für regionale GrafikdesignerInnen, KünstlerInnen und KomponistInnen füllt das ehemalige Atelierhaus des Künstlers seit 2008 als private Institution neben den etablierten Kunst- und Kulturhäusern der Stadt eine längst notwendige Nische und verpflichtet sich dem Erhalt, der Erforschung und dem Bekanntmachen historischer und gegenwärtiger Positionen an der Schnittstelle von Kunst und Grafikdesign. Eines der Ziele, die das Haus unter der Kuratierung von Armin Vogt in Kooperation mit der Swiss Graphic Design Foundation verfolgt, ist es, einen Beitrag zur Aufarbeitung der prädigitalen Geschichte der international renommierten Schweizer Grafik zu leisten.








Museumsnacht 20.01.17 18 – 02 Uhr

 

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